Anbei der Reisebericht unseres Mitglieds Michael, der bereits im Jahr 2000 eine Reise nach Venezuela unternommen hat und uns seine Reiseberichte nicht vorenthalten möchte… Viel Spaß beim lesen !

 

V E N E Z U E L A

Vor einiger Zeit stieß ich auf die Spuren eines leidenschaftlichen Piloten, eines Pioniers der Luftfahrtgeschichte, der bei uns eher unbekannt ist: Jimmie Angel. Er lebte in den 30er Jahren als Buschpilot und Abenteurer  in Mittel- und Südamerika. Im wilden Südosten Venezuelas, in der Gran Sabana  200 Kilometer südlich des Orinoco, da müsste Fliegen noch ein Abenteuer sein,  über und zwischen den Tepuis, den Tafelbergen, die die Ebene um 1.000 Meter überragen, Schauplatz der „Verlorenen Welt“   von  Sherlock Holmes – Autor Arthur Conan Doyle mit bis heute überlebenden Sauriern. Jimmie Angel hatte auf der Suche nach Gold und Diamanten mit einer De Havilland Tiger Moth hier den höchsten Wasserfall der Welt gefunden, der dann nach ihm benannte wurde. 2 Jahre später (am 9.10.1937) war er mit einer ( Ryan G 2 W ) Flamingo ( der Metal  Aircraft Corp. mit einem Pratt + Whitney  Wasp 410 PS 9-Zylinder-Sternmotor ) auf dem Auyán-Tepui gelandet. Bei der Landung war das Bugrad in eine morastige Stelle eingebrochen, die havarierte Maschine war nicht mehr zu starten. Der Abstieg zu Fuß vom Tepui fast senkrecht in die 1.000 Meter tiefer gelegene Ebene dauerte 11 Tage. 1970 brachte die venezolanische Luftwaffe die Flamingo per Hubschrauber nach Ciudad Bolivar, wo sie am Flughafen an die Pionierzeiten der Fliegerei erinnert.

Mit einem kleineren Kreuzfahrtschiff sind wir durch das Orinoco-Delta und den Orinoco hinauf  bis Puerto Ordaz ( Ciudad Guayana ) an der Mündung des Rio Caroni gefahren.  Am Flughafen erfahren wir, dass es hier keine kleinen Flieger zu chartern gibt, aber in Ciudad Bolivar 100 Kilometer stromaufwärts stehe eine Cessna 206 Stationair samt Safety-Pilot zur Verfügung. Diese 6-sitzige Maschine  ist trotz 300 PS nicht besonders schnell, aber im Busch ein gutes und robustes Arbeitspferd. Unser Safety-Pilot ( wie ich zunächst noch annehme ) hat zwar vier goldene Streifen auf den Schultern, spricht aber kein Wort Englisch, so dass  unser Spanisch reichen muss. Als ich auf die linke Tür der Stationair zusteuere, winkt er ab, und ich muss mit dem  rechten Sitz vorlieb nehmen. Dann sehe ich, dass die Maschine nicht über ein Doppelsteuer verfügt. Auf meine Nachfrage erfahre ich, das habe man ausgebaut, weil mehrfach ein Pilot während des Fluges vom Fluggast erschossen und aus der Maschine geworfen worden sei, um das erbeutete Flugzeug zum Drogenschmuggel einzusetzen. Also bin ich diesmal wie in Island nur Passagier. Allerdings gibt es nach dem Start so viel zu sehen,  dass sich die Enttäuschung rasch legt. – Ciudad Bolivar am Orinoco. – Die 1,6 Kilometer lange Puente de Angostura  ist die einzige Brücke über den Orinoco. – Sandbänke, die unserem Schiff zu schaffen machten, unberechenbar trotz ständig arbeitender Baggerschiffe. – Zahlreiche Indio-Boote  ohne und mit Motor auf dem dschungelgesäumten  Orinoco.  –  Die Urwaldriesen, oft über 60 Meter hoch, bilden einen lückenlosen Teppich. Wir passieren kleine Landestreifen von Eisenerzminen im Dschungel.  Anhand meiner 1:500.000 – TPC- Karte kann ich mich ganz gut orientieren und mitfranzen.  „Warst Du schon einmal hier?“ fragt unser  venezolanischer Capitán . Er ist ganz erstaunt, wenn ich ihm korrekt mitteile, in 7 Minuten  müsste der Guri-Stausee aus dem Dunst auftauchen oder in 12 Minuten müssten wir Canaima erreichen.   Er selbst benötigt natürlich keine Karte und hat nur zur ungefähren Orientierung für seine Passagiere eine 1:1.000.000- Autokarte dabei. Wir überfliegen den Guri-Stausee, den aufgestauten Rio Caroni, der den Strom für die Städte am Orinoco und den Eisenerzabbau liefert.

Dann werden die Bäume spärlicher. Wir sind über der Gran Sabana, und die ersten Tepuis tauchen auf, bis 2.900 Meter hoch und teilweise mit in Wolken gehüllten Gipfeln. Die Landebahn von Canaima liegt vor uns, dahinter ergießt sich der Salto Hacha in die Lagune von Canaima. Zwischen den Bäumen liegt eine bruchgelandete DC 3. Drei flugfähige DC3  bzw. C 47  stehen am Rand der Piste für Flüge nach Ciudad Bolivar und zum Salto Angel  bereit. Andere Länder, andere Sitten:  im Funk höre ich, dass eine Maschine auf der Bahn startet, die wir gerade im Endanflug ansteuern – und zwar entgegen unserer Landerichtung!  Diese Situation, die jedem Flugleiter auf einem Tower im guten alten Deutschland die Schweißperlen auf die Stirn treiben und ihn zu hektischen Aktionen am Funk veranlassen würde, löst hier keine besondere Reaktion aus. Auf meine vorsichtige Nachfrage bekomme ich zur Antwort, man habe sich doch  gegenseitig  gut im Blick und somit bestehe kein Grund zur Aufregung. Man winkt sich freundlich zu, und dann fällt mir auf, dass unser Capitán einen Punkt 5 Meter links neben der Landebahn ansteuert. Auch hier findet meine erstaunte Anfrage eine zufriedenstellende Erklärung:  Reifen seien auch in Venezuela  teuer, und das Aufsetzen auf dem staubigen  Naturboden nutze sie erheblich weniger ab als auf dem harten Asphalt………  –  Die DC 3 ist noch kein Museumsstück, sondern voll im täglichen Einsatz, – ebenso wie die Cessna 180 Skywagon. – Wir unternehmen eine Bootstour auf der Lagune von Canaima entlang dem Wasserfall  Salto Hacha und wandern ein wenig durch die herrliche Natur. Dann schauen wir uns die Gegend noch einmal von oben an.  Schon beim Hinflug konnten wir den in den Wolken verborgenen Salto Angel nicht sehen, obwohl sich unser Capitán  mit dem Einflug in die Teufelsschlucht  zwischen 2 Tepuis alle Mühe gab. Er versucht es noch einmal, aber auch diesmal haben wir kein Glück. Der Blick auf kleinere Wasserfälle muss uns reichen. Auf dem Rückweg überfliegen wir noch einmal die Eisenerzmine am Cerro Bolívar.  – Das Ende der Landepiste der Mine. – Tropischer Regenguss. –  Unser Capitán  fährt uns von Ciudad Bolívar zurück zum Schiff nach Puerto Ordáz  und lädt uns unterwegs noch zu einem Imbiss ein. Mit mir zusammen bedauert er noch einmal das fehlende Doppelsteuer seiner Cessna.